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KI für Arztpraxen – wo sie heute konkret entlastet

KI entlastet Arztpraxen heute vor allem dort, wo keine ärztliche Entscheidung fällt: am Telefon, bei der Dokumentation und in der Verwaltung.

Veröffentlicht:
6 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • KI entlastet Praxen dort, wo keine ärztliche Entscheidung fällt: Telefon, Dokumentation, Posteingang und Verwaltung.
  • Ob sich ein KI-Telefonassistent lohnt, entscheiden Fachrichtung, Anliegen-Mix und die Anbindung an das PVS.
  • Schweigepflicht, DSGVO, Medizinprodukterecht und EU AI Act verbieten KI nicht, verlangen aber bewusste Auswahl und Dokumentation.
  • Mit einem Feld und einer vorher festgelegten Kennzahl starten, nach acht bis zwölf Wochen ehrlich auswerten.

KI entlastet Arztpraxen heute vor allem dort, wo keine ärztliche Entscheidung fällt: am Telefon, bei der Dokumentation und in der Verwaltung. Diagnose und Therapie bleiben ärztliche Aufgabe. Wer das trennt, findet schnell sinnvolle Einsatzfelder.

Der Druck ist real. Laut KBV verbringen Ärzte und Psychotherapeuten rund 61 Tage im Jahr mit Bürokratie. Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert für 2026 eine Lücke von gut 16.000 Medizinischen Fachangestellten.

Gleichzeitig steht die Branche erst am Anfang. In einer Bitkom-Umfrage mit dem Hartmannbund von 2025 gaben 15 Prozent der befragten Ärzte in Praxen und MVZ an, KI in mindestens einem Bereich zu nutzen. Für die Praxisverwaltung waren es 8 Prozent.

Die Infrastruktur ist dabei weiter, als oft angenommen. Laut PraxisBarometer 2025 von KBV und IGES kommunizieren 52 Prozent der Praxen vollständig oder überwiegend digital mit Patienten. 31 Prozent bieten Online-Terminbuchung an. Auf dieser Basis lässt sich KI gezielt aufsetzen.

Telefon: Der KI-Assistent als Auffangnetz

Ein KI-Telefonassistent lohnt sich dort, wo Routineanliegen die Leitung blockieren. Typisch sind Rezeptbestellungen, Überweisungen, Terminabsagen und Nachrichten außerhalb der Sprechzeiten. Das Team ruft strukturiert zurück, statt im Minutentakt abzuheben.

Das Deutsche Ärzteblatt hat zwei Praxen gegenübergestellt. Die gefäßchirurgische Praxis von Dr. Stefan Mann in Regensburg setzt den Assistenten als Rückfallebene ein. Laut interner Auswertung von 2023 dauerte ein Bot-Anruf im Schnitt 3 Minuten, ein Gespräch mit dem Team 11 Minuten; die Praxis beziffert die Ersparnis auf mindestens 25 Arbeitsstunden im Monat.

Die HNO-Praxis von Dr. Ines Weinzierl in Nürnberg hat ihren Assistenten wieder abgeschaltet. Nur etwa zwei von zehn Anrufern kamen über die Vorauswahl ans Ziel, eine Schnittstelle zum Terminkalender fehlte. Die Lehre: Fachrichtung, Anliegen-Mix und PVS-Anbindung entscheiden über den Nutzen. Mehr zu KI-Telefonagenten

Einen Branchenvergleich bietet unser Artikel zum KI-Telefonassistenten in Apotheken. Zum Apotheken-Artikel

Dokumentation: Entwürfe statt Diktat

Sprachbasierte KI kann aus dem Patientengespräch einen Dokumentationsentwurf erzeugen, den die Ärztin prüft und freigibt. Das spart Tipparbeit nach der Sprechstunde. Die Verantwortung für den Inhalt bleibt bei der Praxis.

Belastbare Zahlen kommen bisher vor allem aus Kliniken und dem Ausland. Eine im Ärzteblatt vorgestellte US-Kohortenstudie (JAMA) fand rund 10 Prozent weniger Dokumentationszeit, mit besonders deutlichen Effekten in der Primärversorgung. Am Universitätsklinikum Freiburg waren 93,1 Prozent der KI-erzeugten Arztbriefe des besten Modells nach kleinen Korrekturen verwendbar.

Arztbriefe, Befunde und Posteingang

KI kann eingehende Briefe, Befunde und KIM-Nachrichten zusammenfassen, vorsortieren und der richtigen Akte zuordnen. Das ist relevant, weil laut PraxisBarometer bereits 87 Prozent der Praxen elektronische Arztbriefe erhalten. Mit wachsendem digitalen Eingang wächst auch der Sichtungsaufwand.

Wichtig ist die Grenze: Sortieren und Zuordnen ist in der Regel Verwaltung. Sobald ein System Auffälligkeiten bewertet oder Handlungsempfehlungen gibt, wird es zur Entscheidungsunterstützung mit eigenen Anforderungen (siehe Rechtsrahmen).

Verwaltung und Abrechnung

Im Backoffice unterstützt KI bei Standardschreiben, Patienteninformationen, internen Anleitungen und der Vorprüfung von Abrechnungsunterlagen. Das sind prüfbare Aufgaben mit klarer Vorlage. Ein Mensch gibt jedes Ergebnis frei.

Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband fordert in seinem Positionspapier offene Schnittstellen der Praxisverwaltungssysteme für KI-Werkzeuge. Fragen Sie Ihren PVS-Anbieter daher früh, welche Integrationen möglich sind.

Anwendungsfelder im Überblick

  • Telefon – nimmt Routineanliegen strukturiert auf, entlastet Stoßzeiten. Voraussetzung: klarer Anliegen-Mix, Anbindung an PVS oder Terminsystem.
  • Dokumentation – erstellt Entwürfe aus dem Gespräch. Voraussetzung: Einwilligung bzw. Information der Patienten, ärztliche Freigabe.
  • Posteingang – fasst Briefe und Befunde zusammen, ordnet zu. Voraussetzung: digitaler Eingang (eArztbrief, KIM), Datenschutzvertrag.
  • Verwaltung – Entwürfe für Schreiben und Infomaterial, Vorprüfung. Voraussetzung: Vorlagen, Freigabeprozess, geschultes Team.

Rechtlicher Rahmen und Datenschutz

Für Arztpraxen gelten beim KI-Einsatz vier Ebenen: Schweigepflicht, DSGVO, Medizinprodukterecht und EU AI Act. Keine davon verbietet KI. Alle verlangen eine bewusste Auswahl und Dokumentation.

Schweigepflicht (§ 203 StGB). Seit der Reform von 2017 dürfen externe IT-Dienstleister als „sonstige mitwirkende Personen“ eingebunden werden. Sie dürfen nur erfahren, was für ihre Leistung erforderlich ist, und müssen zur Geheimhaltung verpflichtet sein. Das gilt auch für KI-Anbieter und deren Subunternehmer.

DSGVO. Gesundheitsdaten sind besonders geschützte Daten. Sie brauchen einen Auftragsverarbeitungsvertrag, Klarheit über Serverstandort und Datenweitergabe sowie eine verständliche Patienteninformation. Die Bundesärztekammer stellt klar, dass frei zugängliche Systeme wie ChatGPT keine datenschutzkonforme Umgebung für Patientendaten bieten.

Medizinprodukterecht. Entscheidend ist die Zweckbestimmung der Software. Die Innovation-Sandbox des Kantons Zürich ordnet reine Transkription in der Regel nicht als Medizinprodukt ein, Diagnosevorschläge dagegen klar als medizinische Entscheidungsunterstützung. Lassen Sie sich vom Anbieter schriftlich bestätigen, wie sein Produkt eingestuft ist.

EU AI Act. Seit dem 2. Februar 2025 müssen Betreiber von KI-Systemen nach Art. 4 Maßnahmen zur KI-Kompetenz ihres Personals ergreifen. Der Digital Omnibus, in Kraft seit 27. Juli 2026, hat die Pflicht präzisiert: Ein bestimmtes Kompetenzniveau müssen Sie nicht garantieren, Maßnahmen wie Schulungen bleiben aber verpflichtend. Dokumentieren Sie diese nachvollziehbar.

Berufsrecht. Die Bundesärztekammer betont: Diagnostik, Indikation und Therapie bleiben ärztliche Aufgabe. KI liefert Entwürfe, die Praxis entscheidet.

Dieser Abschnitt ersetzt keine Rechtsberatung.

So starten Sie

  1. 01Bestandsaufnahme. Zählen Sie zwei Wochen lang, wie viele Anrufe welcher Art eingehen und wie viel Zeit Dokumentation und Posteingang kosten. Klären Sie mit Ihrem PVS-Anbieter, welche Schnittstellen es gibt.
  2. 02Pilot mit Kennzahl. Wählen Sie ein Feld, etwa Rezeptanfragen am Telefon. Legen Sie vorher eine messbare Kennzahl fest, zum Beispiel den Anteil abschließend bearbeiteter Anrufe oder Minuten pro Vorgang.
  3. 03Auswertung nach acht bis zwölf Wochen. Vergleichen Sie die Kennzahl mit dem Ausgangswert und fragen Sie Team und Patienten nach ihrer Erfahrung. Das Beispiel aus Nürnberg zeigt: Auch ein ehrliches „Nein“ ist ein Ergebnis.
  4. 04Ausbau. Erst wenn der Pilot trägt, folgt das nächste Feld. Schulung nach Art. 4 AI Act, Datenschutzunterlagen und Freigaberegeln wachsen mit.

Wie wir Pilotprojekte aufsetzen, zeigen wir auf unserer Seite zur Prozessautomatisierung. Zur KI-Prozessautomatisierung

Fazit

KI für Arztpraxen ist kein Zukunftsthema mehr, aber auch kein Selbstläufer. Am meisten bringt sie bei Telefon, Dokumentation und Verwaltung, wenn Schnittstellen, Datenschutz und Freigaben geklärt sind. Starten Sie mit einem Feld, messen Sie ehrlich und bauen Sie aus, was trägt.

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Häufige Fragen

Darf ich Patientendaten in ChatGPT eingeben?

Nein, nicht in frei zugängliche Versionen. Die Bundesärztekammer sieht dort keine datenschutzkonforme Umgebung. Nutzen Sie nur Lösungen mit Auftragsverarbeitungsvertrag und Geheimhaltungsverpflichtung nach § 203 StGB.

Ersetzt ein KI-Telefonassistent meine MFA?

Nein. Er fängt Routineanliegen ab, damit das Team Zeit für Patienten vor Ort und komplexe Anrufe hat. Ob er sich rechnet, hängt von Fachrichtung, Anliegen-Mix und Anbindung an das Terminsystem ab.

Ist KI-Dokumentation ein Medizinprodukt?

Das hängt von der Zweckbestimmung ab. Reine Transkription gilt meist nicht als Medizinprodukt. Je stärker ein System Inhalte zusammenfasst oder bewertet, desto genauer ist zu prüfen; Diagnose- oder Therapievorschläge machen es in der Regel zum Medizinprodukt. Lassen Sie sich die Einstufung vom Anbieter bestätigen.

Welche Schulungspflicht gilt für mein Praxisteam?

Nach Art. 4 EU AI Act müssen Sie Maßnahmen ergreifen, damit Ihr Team KI-Systeme kompetent nutzt. Ein Zertifikat ist nicht vorgeschrieben. Eine kurze, dokumentierte Einweisung je Werkzeug ist ein praktikabler Weg.

Gibt es Fördermittel für KI in der Arztpraxis?

Die Auswahl ist begrenzt. Die BAFA-Beratungsförderung fördert bei Ärzten laut aktueller Richtlinie nur Beratungen zu Qualitätssicherungssystemen und gilt für Anträge bis 31. Dezember 2026. Der Digitalbonus Bayern steht freien Berufen nur in gewerblicher Rechtsform offen; prüfen Sie die Konditionen vor Antragstellung an der Primärquelle.

Thomas Baumgartner

Über den Autor

Thomas Baumgartner ist Gründer von AI Infusion in München. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit digitalen Geschäftsprozessen, Automatisierung und KI-Technologien – in der Beratung ebenso wie in der Umsetzung.

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